Digitale Nomaden
Wenn die Grenze zwischen Arbeit und Heim verschwindet
Die Metapher des modernen Nomaden geistert schon so lange durch die Fachliteratur, dass ihre Glaubwürdigkeit stark überstrapaziert scheint. Und doch veröffentlichte die hochseriöse britische Wirtschaftszeitschrift Economist Mitte 2008 einen großen Sonderteil mit dem Titel: „Nomads at last“, in dem sie argumentiert, dass trotz aller verfrühten Prognosen nun endgültig das Zeitalter der Digitalen Nomaden angebrochen sei. Erstmals hatte vermutlich der legendäre Medientheoretiker Marshall McLuhan in den 60er und 70er Jahren den Begriff des modernen urbanen Nomaden aufgebracht. McLuhan skizzierte in seinen Büchern künftige mobile Arbeitnehmer, die fast permanent weltweit unterwegs sind und kein Zuhause mehr brauchen. In den 80er Jahren benutzte der französische Wirtschaftswissenschaftler Jacques Attali – ein Berater von Präsident Francois Mitterand – den Begriff, um eine Zukunft zu skizzieren, in der sich die Gesellschaft zwischen einer hochmobilen Jet-Set-Elite und einer entwurzelten Arbeiterklasse spaltet. In den 90er Jahren schrieben Tsugio Makimoto und David Manner ein Buch, in dessen Titel der Begriff des „digitalen Nomaden“ vorkam und das vor allem die Segnungen neuester mobiler Gerätschaften pries.
Doch nach Einschätzung des Economist lagen alle diese Visionen daneben. Als sie verfasst wurden, war die Technologie nicht so weit wie heute. Zwar gab es schon viele Geräte, aber sie waren noch nicht miteinander verbunden. Das damalige Bild des modernen Nomaden zeigte, wie dieser jede Menge tragbarer Technik mit sich herum schleppte, um zu existieren – und entsprach insofern eher dem Bild eines Astronauten als dem eines Beduinen. Der aktuell zu beobachtende reale Trend, so der Economist, existiere hingegen erst seit wenigen Jahren, weil die tatsächlichen modernen Nomaden sich, wie ihre Vorfahren in der Wüste, nicht durch das definieren, was sie mitnehmen, sondern durch das, was sie zurücklassen. Moderne Nomaden haben keine Papierunterlagen dabei, weil sie auf ihre Dokumente elektronisch zugreifen. Oft haben sie nicht einmal mehr ein Laptop dabei – ihnen reicht ein Blackberry oder iPhone. Alle Informationen, die sie benötigen, sind online abrufbar.
Außerdem umfasst die moderne Definition des digitalen Nomaden nicht mehr notwendigerweise, dass er viel reist. „Er kann genau so gut ein Teenager in Oslo, Tokio oder einer amerikanischen Kleinstadt sein wie ein vielfliegender Geschäftsführer“, so der Economist. Manuel Castells, ein Soziologe der Universität von Süd-Kalifornien sagt: „Permanente Verbindung ist das kritische Element, nicht Bewegung.“ James Katz, Professor an der Rutgers Universität in New Jersey, glaubt gar, dass diese Entwicklung eine „historische Re-Integration“ unserer Arbeits- und Privatsphären zur Folge habe. In der vorindustriellen Gesellschaft arbeiteten die Menschen an denselben Orten, an denen sie lebten. Erst die arbeitsteiligen Fabriken der Industriegesellschaft und die gigantischen modernen Bürokratieapparate machten es nötig, die Sphären zu trennen, weil Arbeiter und Beamte an einem Ort versammelt werden mussten, um effizient zu arbeiten. Heute vermischen sich die beiden Bereiche wieder, so Katz. Wir können arbeiten, wo wir leben und umgekehrt.Weiter