Man kann nicht nicht entscheiden
Möglicherweise haben Sie in irgendeinem Kommunikationstraining den Satz „Man kann nicht nicht kommunizieren“ gehört. Oder Sie haben ihn direkt bei seinem Schöpfer Paul Watzlawick gelesen. Ähnlich wie in der Kommunikation gibt es bei unseren täglichen Entscheidungen kein Entrinnen. Egal was Sie tun, sie treffen eine Entscheidung. Es gibt keinen entscheidungsfreien Raum. Selbst wenn sie morgens im Bett liegen bleiben, um im Job keine Entscheidung treffen zu müssen, ist das eine Entscheidung mit erheblichen Konsequenzen, je nachdem, wie lange Sie liegen bleiben. Auch die Wahl, nicht zu entscheiden, eine Entscheidung aufzuschieben oder sie zu delegieren, ist also eine Entscheidung. Jegliches Wahrnehmen, Denken und Handeln können Sie ebenfalls als Entscheidung verstehen: Es ist eine Auswahl unter verschiedenen Optionen, die den Ausschluss der nicht getroffenen Wahl bedeutet.
Das ist alles andere als eine akademische Feststellung. Diese Tatsache hat Konsequenzen. Und zwar täglich. Weil jede dieser Entscheidungen genauso rational wie intuitiv geprägt ist - aus einem einfachen Grund: Die Trennung zwischen „rational“ und „intuitiv“ ist nur eine Erfindung unserer Sprache. Kein Mensch kann rein rational oder rein intuitiv entscheiden oder handeln. Sie können sich diese gegenüberliegenden Pole als Kontinuum vorstellen, bei dem Sie Ihren Entscheidungsstil tendenziell in die eine oder andere Richtung verschieben können. Die Endpunkte sind jedoch nie erreichbar. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass unser Gehirn integrativ funktioniert. Rationalität, Intuition und Emotionen bilden eine Einheit, die nicht unabhängig voneinander funktioniert. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dies ist keine Annahme, sondern eine durch Forschung belegte Tatsache.
Der amerikanische Neurologe Antonio Damasio konnte an verschiedenen klinischen Fällen belegen, dass Emotionen die Grundlage vernünftiger, mithin rationaler Entscheidungen sind. Menschen, die aus verschiedenen Gründen ihre Fähigkeit einbüßen, Emotionen zu empfinden und wahrzunehmen, sind nicht mehr in der Lage, das bekannte Eisenhauer-Prinzip in der täglichen Arbeit anzuwenden. Sie können nicht mehr entscheiden, was von den anstehenden Entscheidungen wichtig ist, was dringlich, was beides davon und was in die Ablage P gehört. Sie sind hoffnungslos überfordert. Damasio berichtet in seinem bekanntesten Buch „Descartes Irrtum“ beispielhaft von einem ehemals außergewöhnlich erfolgreichen Manager, der nach einer operativen Tumorentfernung in seinem Beruf anschließend nicht mehr in der Lage war, das alltägliche Geschäft sinnvoll abzuwickeln. Auffälligerweise ging eine deutliche Einschränkung seiner Emotionalität mit dieser Entscheidungsunfähigkeit einher. Das ist ein Aspekt.
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