Was bleibt vom Elfenbeinturm?
Über die Notwendigkeit, visionäre Ideen in Transformationen immer wieder iterativ zu konsolidieren.
Der erste Entwurf für die Oper in Sydney war kaum mehr als eine ambitionierte architektonische Skizze. Bis dieser gedankliche Elfenbeinturm bauliche Realität wurde, musste die ursprüngliche Vision immer wieder neu konsolidiert und konkretisiert werden. Dies gilt auch für die Umsetzung von Visionen im Unternehmen. So wie die Oper in Sydney kein Reihenhaus ist, ist eine Business Transformation kein business as usual. Der Strategiereview integriert das regelmäßige Neudenken der Vision als festen Bestandteil in den Transformationsprozess.
1957 wurde der visionäre Entwurf von Jorn Utzon für ein neues Opernhaus in Sydney schlicht von der Ausschreibung ausgeschlossen. Er verstieß gegen eine Reihe von Ausschreibungsregeln und es fehlten insbesondere plausible Kostenschätzungen und eine nachvollziehbare Bauplanung. Eigentlich war der Entwurf nicht mehr als eine grobe, visionäre Skizze. Aber die visionäre Kraft des Entwurfs hat sich unter den insgesamt 233 eingereichten Vorschlägen dennoch durchgesetzt. Heute ist das Opernhaus neben Ayers Rock das weltweit bekannteste Wahrzeichen für Australien. 2007 wurde es in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.
Die Entstehungsgeschichte des Opernhauses in Sydney ist auch ein Lehrstück über den Transformationsprozess für die Realisierung von Visionen - gerade weil der Weg zur Realisierung dieser Vision als Projekt alles andere als gerade gewesen ist. Der ursprüngliche Entwurf musste immer wieder an die Realitäten des bautechnisch Machbaren angepasst werden und hat sich so sowohl weiterentwickelt als auch von der ursprünglichen Vision teilweise entfernt. Laien erwarten von Architekten künstlerisch anspruchsvolle Entwürfen ebenso wie detaillierte Baupläne, die diese Entwürfe bis zur einzelnen Steckdose minutiös und fehlerfrei herunter brechen. Es wird erwartet, dass der Architekt an seinem Zeichentisch auch den visionärsten Entwurf so ausdetaillieren kann, dass das Bauen nur noch ein risikofreies Abarbeiten ist. Wer schon mal auch nur den Bau eines individuellen Einfamilienhauses miterlebt hat, weis, dass dies in der Praxis illusorisch ist.
Bei der Realisierung neuer Geschäftsideen oder Technologien im Unternehmen sehen sich Manager häufig den gleichen Erwartungen ausgesetzt. Einerseits muss die Idee möglichst neuartig und innovativ sein. Sonst gilt sie nicht als wirklich visionär oder, schlimmer noch, als vom Wettbewerber abgekupfert. Andererseits wird im nächsten Atemzug bereits eine konkrete Schätzung der Umsetzungskosten, der Projektdauer sowie der erwarteten zukünftigen Umsätze erwartet. Die bevorstehende Business Transformation, die ein vollkommen neues, visionäres Ziel erreichen soll, soll gleichzeitig möglichst gut planbar und budgetierbar sein. In der Realität sieht das Ergebnis am Ende einer Transformation dann meist anders aus als der gedankliche, häufig eher akademische Elfenbeinturm, der als Vision den Anstoß und die Motivation für die Transformation gegeben hat.
Weiter