Mythos Planbarkeit
Die Wurzel dieser Erwartungshaltung ist der wunschgetriebene Glaube, dass auch tiefgreifende Transformationen vorab detailliert planbar und vorhersehbar sind. Die klassische Managementlehre beschreibt den Managementprozess als eine lineare Abfolge von Ziel – Plan – Realisierung – Kontrolle (siehe Abbildung 1). Damit die Realisierung gelingt, muss die Planung vollständig sein. Auch hochkomplexe Veränderungen wie der Aufbau eines neuen Unternehmens, zum Beispiel im Web 2.0-Umfeld oder nach Erhalt einer Mobilfunklizenz in einem bisher nicht erschlossenen nationalen Markt, folgen in der Vorgehensweise grundsätzlich diesem Muster. Am extremsten zeigt sich dieser Planungsglaube sicherlich in den sozialistischen Volkswirtschaften mit ihren Fünfjahresplänen.
In dieser Reinform ist Planungsgläubigkeit heute immer seltener bei Managern zu finden. Aber der alte Glaube sitzt tief. In Projekten wird beispielsweise immer wieder die Anforderung an Berater gestellt, doch für Businesspläne die Marktentwicklungen, Umsatzpotenziale oder Lebensdauern von Technologien bis zu zehn Jahren im Voraus zu prognostizieren. Das Planbarkeit ein Mythos ist, bedeutet nicht, dass man nicht planen kann oder sollte. Im Mythos steckt immer Wahrheit, die aber in der Wahrnehmung des Menschen überhöht und überbewertet wird. In dieser Überbewertung steckt die Gefahr.
Komplexität und der allzu menschliche Wunsch nach Berechenbarkeit
Die Anwendung der Systemtheorie und der Chaosforschung in den Wirtschaftswissenschaften war einige Zeit sehr in Mode. Börsen, Märkte und Unternehmen wurden als hochkomplexe, dynamische und damit nur sehr begrenzt vorhersagbare Systeme mit exponentiell wachsenden Interdependenzen verstanden. Selbstorganisation, Rückkopplungsschleifen und Autopoiesis wurden als Prinzipien auch wirtschaftlicher Systeme und Unternehmen diskutiert. Diese ursprünglich aus den Naturwissenschaften stammenden Erkenntnisse wurden an den Business Schools als echte intellektuelle Bereicherung gerne aufgegriffen und sind im akademischen Umfeld nach wie vor state of the art.
Aber es zeigte sich auch, dass diese Sichtweise der Unberechenbarkeit nicht der Stoff ist, aus dem die Träume der Shareholder und Finanzinvestoren sind. Ein Finanzinvestor erwartet nach wie vor einen auf mehrere Jahre angelegten Businessplan, der ihm so zuverlässig wie eben möglich die Sicherheit seines Investments bescheinigt. Inwieweit solche Prognosen wirklich haltbar und seriös sind, ist ein anderes Thema. Ein Investor ist schwer damit zu gewinnen, dass sein Investment in einem kaum steuerbaren, selbstorganisierenden Prozess ein noch nicht klar definierbares Ergebnis hervorbringen wird. Und so herrschen die klassischen Businesspläne und Strategiekonzepte mit ihren konkreten Versprechungen trotz aller wissenschaftlich fundierter Kritik nach wie vor bei Entscheidungen in der Wirtschaft vor. Die Vorhersagegenauigkeit ist häufig ernüchternd, wie zuerst das Platzen der Dot-com-Blase und jetzt die aktuelle Finanzkrise zeigen. Selbst erfolgreich realisierte Visionen wie die vielzitierten Geschäftsmodelle von amazon, e-bay, Google oder Dell sehen heute in der Realität ganz anders aus, als ihre Erfinder und Investoren es erwartet hätten.
Weiter