DMR: Welche Vorteile bieten Web 3.0-Technologien gegenüber dem Web 2.0?
H.-P. Schnurr: Web 3.0-Technologien ergänzen Web 2.0-Technologien in idealer Weise. Bei Web 2.0 werden viele Nutzer zum Beitragen von Inhalten eingeladen und darin unterstützt. Allerdings ist das dabei entstehende Wissen nicht in dieser Form für den Computer verständlich und verarbeitbar. Web 3.0-Technologien machen die Inhalte durch Verschlagwortung mit sogenannten Ontologien maschinenlesbar, automatisch auswertbar und somit wieder verwendbar. Web 3.0-Technologien erleichtern darüber hinaus das Zusammenführen von Wissen aus unterschiedlichen Quellen. Damit sind zum Beispiel Mashups viel leichter zu erstellen. Dies ermöglicht über das pure Einsammeln hinaus die freie Kombination von Wissen und bringt das Internet für Jedermann noch näher. Durch das „Verstehen" der Inhalte sind zukünftige Suchmaschinen in der Lage, auf eine Frage nicht nur eine Liste von Dokumenten, die die gesuchten Begrifflichkeiten enthalten, zu liefern, sondern eine präzise Antwort zu geben.
DMR: Ist die Zeit reif für die breite Nutzung dieser Technologien?
H.-P. Schnurr: Das World Wide Web Consortium (W3C), ein Gremium zur Standardisierung der das World Wide Web betreffenden Techniken, hat inzwischen mehrere Basismethoden wie die Ontologiesprachen RDF(S) und OWL standardisiert. Einige große Hersteller setzen bereits auf diesen Sprachen und Methoden auf. Durch die Standardisierung ist der Weg für eine breite Nutzung geebnet. Das von ontoprise erweiterte SemanticMedia Wiki bringt beispielsweise Technologien des semantischen Webs in die Massenbewegung des Web 2.0 so ein, dass die privaten Endnutzer in einfacher und effizienter Weise bei der Erstellung von Wikis auf wohl fundierte und inhärent multilinguale Ontologiewerkzeuge zurückgreifen können. Dadurch kann ein Web 3.0 entstehen, das die Vorteile des semantischen Web und des Web 2.0 verknüpft und deren Nachteile überwindet. Es existieren bereits eine ganze Reihe von Methoden und Werkzeugen von professionellen Herstellern, die in zahlreichen industriellen Anwendungen erfolgreich eingesetzt werden.
DMR: In welchen Branchen und in welchen Unternehmensbereichen erwarten Sie die stärksten Veränderungen?
H.-P. Schnurr: Überall dort, wo sich Inhalte rasch verändern und erweitern und aus vielen unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden müssen, erzeugt der Einsatz von Web 3.0-Technologien einen sofortigen Mehrwert. Somit sind entwicklungsintensive, dynamische Branchen die Early Adopter dieser Technologien. Die IT-Industrie, die Telekommunikationsbranche sowie Ingenieurbereiche wie Automobil und Maschinenbau sind Beispiele dafür. Auf der Basis semantisch gesicherter Vokabulare wird hier die Zusammenarbeit global verteilter Teams an sich schnell ändernden Inhalten eine weitere Differenzierung der Wertschöpfungsketten ermöglichen. Neben diesen vertikalen Anwendungssektoren sind der Kundenservice und die Wartung diejenigen horizontalen Funktionen in den Unternehmen, die in naher Zukunft von Web 3.0-Technologien stark verändert werden. Hier sind Zusammenführung und Support gekennzeichnet von dynamischem Erzeugen, Nutzen und Verändern von Inhalten. Semantische Technologien überbrücken die Lücke zwischen der Fachsprache der Informatik und den Sprachen ihrer Anwender, weil sie es erlauben, verschiedene Begriffssysteme ohne Bedeutungsverlust ineinander zu übersetzen.
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