DMR: Und wie beurteilen Sie die Auswirkungen des Web 3.0 auf die gesamte Wertschöpfungskette der Unternehmen?
H.-P. Schnurr: Web 3.0-Technologien ermöglichen effizientes Wissensmanagement und die Bewältigung von komplexen, wissensbasierten Problemstellungen. Sie bilden damit ein großes Potenzial etwa für die Technologieentwicklung, die Qualitätssicherung und Kundenservices. Dies betrifft zunächst sehr operativ die Qualität solcher Prozesse und reduziert natürlich auch deren Kosten beziehungsweise beschleunigt viele Kernprozesse von Unternehmen. Ich sehe aber auch durchaus eine strategische Komponente, ein „Go out of Business"-Szenario: diese modernen Techniken werden sich am Markt durchsetzen und neue Level in der Beherrschbarkeit jedweder Komplexität erlauben. Unternehmen, die also nicht oder zu spät in die Einführung gehen, können gegenüber innovativeren Wettbewerbern sehr schnell in Nachteilsituationen kommen und als Folge davon im extremsten Fall sogar von den Marktkräften eliminiert werden. Geschäftsprozesse in dynamischen Branchen differenzieren sich durch das verteilte Erzeugen von Inhalten und deren einfache Wiederverwendbarkeit weiter. Entwicklungsprozesse, die bisher zentral organisiert wurden, können an den Ort des besten Know-how verlagert werden.
DMR: Mit welchen neuen Geschäftsmodellen und Nutzenpotenzialen ist zu rechnen?
H.-P. Schnurr: Nachdem sich IP-Radio und IP-TV etabliert haben, wird es Sender geben, die unser Vertrauen haben, weil sie Experten für unseren ganz persönlichen Geschmack und unsere Vorlieben sind. Ihr Geschäftsmodell ist der Abruf von Contentschnippseln, exklusiven Sendungen, einmaliger Musik und Filmen. Das Handy wird zum SmartPhone und begeistert uns künftig mit Kontextinformationen zum aktuellen Standort – von der Wegweisung zum nächsten Buchladen über komplette Reiseplanungen mit Bus, Bahn, Flugzeug und Hotelbuchung bis hin zu stimmungsabhängiger Unterhaltung. Das Web 3.0 tritt zunehmend in den Hintergrund, aber seine Intelligenz wird überall gegenwärtig sein. Das nennen wir dann Ubiquitous Semantic Web beziehungsweise Web 4.0.
DMR: Was können Firmen schon heute unternehmen, um sich hierauf vorzubereiten?
H.-P. Schnurr: Die Kernprozesse eines Unternehmens sind mit Hilfe bewährter Methodologien auf einfache Art zu modellieren und somit digital abzubilden. Dies führt beispielsweise bei Prozessen, die abteilungsübergreifendes Know-how benötigen, zu erheblichen Optimierungen. Die Anbindung einer Vielzahl von Datenbanken sowie heterogener Informationsquellen an einen Pool von Informationen kann mit Hilfe der semantischen Technologien dazu beitragen, neues Wissen aus bestehenden Informationen zu generieren und einen präzisen Überblick auf bisher verteilte Informationen zu erhalten. Nicht zuletzt kann durch eine frühe Nutzung ein erstes Know-how mit semantischen Technologien erworben werden, die gerade in wissensintensiven Bereichen den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen können.
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