DMR Das Magazin für Management und Technologie
DETECON Consulting

Flexibilität aus der Wolke

Cloud Computing – die zukünftige Form der ICT


Christoph Eikmeier | Dr. Volker Rieger | Erwin Weber

Es braut sich was zusammen im Internet. Immer mehr ICT-Dienste werden nicht mehr innerhalb des eigenen Unternehmens betrieben, sondern flexibel über das Web bezogen. Ob Kundendatenbank, Rechenpower oder CRM-Software – ein Internetzugang genügt, um Zugriff auf sämtliche Dienste zu erhalten. Dabei ist alles flexibel skalierbar. Bezahlt wird nur soviel, wie auch genutzt wird. Wer will, kann schon heute das Gros seiner Unternehmensanwendungen ins Web verlagern. Wird zukünftig also alles aus der „digitalen Wolke“ kommen?

Was heute schon alles aus der Wolke kommen kann, zeigt ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit. Milliarden von Menschen wollten dabei sein, als der neue amerikanische Präsident Barack Obama im Januar sein Amt antrat. Die Veranstaltung wurde live ins Internet gestreamt und von Hunderttausenden mitverfolgt. Tausende Hobby-Journalisten bloggten mobil via Facebook und Twitter ihre Erlebnisse, sozusagen als „Voter generated Content“. Unzählige Handynutzer berichteten ihren Verwandten und Freunden von der Veranstaltung.

Für ICT-Verantwortliche stellen Großereignisse wie dieses eine enorme Herausforderung dar. So hatte AT&T viele Millionen Dollar investieren müssen, um für diesen historischen Tag die Kapazitäten seines Mobilfunknetzes in der Umgebung von Washington um 80 Prozent zu erhöhen. Wäre es nicht schön, wenn man Lastspitzen, wie sie durch derartige Großereignisse oder beispielsweise breit angelegte Werbekampagnen entstehen, dadurch abfedern könnte, dass man jegliche dafür nötigen ICT-Ressourcen nach Bedarf mietet – und natürlich auch nur nutzungsabhängig zahlt? Hier kommt Cloud Computing ins Spiel. Mit Cloud Computing ist es möglich, ICT-Infrastrukturen und Anwendungen auf Zuruf temporär zu mieten und bedarfs­gerecht abzurechnen. Bei großem Benutzeransturm – wie dem Amtsantritt Obamas – werden automatisch mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt und nachher wieder zurückgefahren.

Die Wolkendecke lichten – ein Definitionsversuch  

Doch was genau ist unter Cloud Computing zu verstehen? Mehrere nebulöse Schlagwörter kursieren in diesem Zusammenhang, ohne dass sich deren genaue Bedeutungen und die Abhängigkeiten untereinander sofort erschließen. Daher soll die dichte Wolkendecke im Folgenden etwas gelichtet und der Versuch einer Begriffsbestimmung unternommen werden.

Häufig wird Cloud Computing mit Grid Computing gleichgesetzt. Letzteres meint die Zerteilung von rechenintensiven Aufgaben in kleine Einheiten, die von einem Netz (Grid) miteinander verbundener Computer parallel ausgeführt werden. Cloud Computing ist aber mehr als das, es steht für einen ­Paradigmenwechsel: Verschiedenste Dienste, die bisher von einem lokalen Computer übernommen wurden, wandern in die Internet-„Wolke“, zum Beispiel Unternehmenssoftware, ­Daten, Speicherplatz. Der Internetanschluss fungiert als Schnittstelle zwischen Client und den Cloud-Servern, auf denen die Daten gespeichert sind.  

Ganz neu ist diese Idee nicht. Vor einigen Jahren kamen bereits ähnliche Modelle auf, damals unter den Bezeichnungen Application Service Providing (ASP) oder Software-on-demand. Weil die technologische Entwicklung und die Nutzer noch nicht soweit waren, konnten sich die Konzepte allerdings nicht durchsetzen. Dank neuer Webtechnologien wie beispielsweise AJAX und schnellerer Internetzugänge erfahren heute dieselben Ideen unter neuem Namen eine Renaissance.  

Cloud Computing-Services können an unterschiedlichen Stellen der Wertschöpfungskette von ICT-Dienstleistern ansetzen. Bisher haben sich hier insgesamt drei Modelle herausgebildet (siehe Abbildung 1): Infrastructure-as-a-Service (IaaS), Software-as-a-Service (SaaS) und Platform-as-a-Service (PaaS).  

   Dienste,

Dienste, bei denen es um den flexiblen Bezug von Serverleistung oder Speicherplatz über das Internet geht, also Infrastruktur-Leistungen, nennt man Infrastructure-as-a-Service. Beispiele hierfür sind die Webservices Simple Storage Service (S3) und Elastic Compute Cloud (EC2) von Amazon.    

Software-as-a-Service wird häufig mit Cloud Computing gleichgesetzt, ist aber nur ein Teilbereich davon. Die Idee von Software-as-a-Service steht für den Betrieb und die Instandhaltung von Computeranwendungen als Service über das Internet. Gehostet und aktualisiert werden die Anwendungen auf den Servern des Betreibers. Beispielsweise bietet Google mit seinem Webservice „Text & Tabellen“ eine Cloud-basierte Alternative zu ­Microsoft Office und mit GMail einen webbasierten E-Maildienst, der auch im Offline-Bereich nutzbar ist.   

Das Modell von Platform-as-a-Service richtet sich nicht an die Anwender, sondern an Entwickler von Webapplikationen. Im PaaS-Modell stellt ein Anbieter Programmierschnittstellen ­(Application Programming Interfaces, APIs) und Entwicklertools (Software Development Kits, SDKs) zur Verfügung. Jeder Entwickler kann diese nutzen, um eigene Webapplikationen basierend auf der Infrastruktur des Plattform-Anbieters zu programmieren, zu testen und zu betreiben. Der SaaS-Pionier Salesforce bietet mit seiner Website Force.com seit einiger Zeit eine solche Plattform an.   

Cloud Computing im Unternehmen einsetzen   

Wie viele ICT-bezogene Entscheidungen müssen Anwender das Thema Cloud Computing aus zwei Perspektiven betrachten: der geschäftlichen und der technisch-betrieblichen. Erstere umfasst alle auf den Markt hin orientierten Möglichkeiten, die sich aus der neuen Art, ICT zu nutzen, ergeben. Zweitere fokussiert auf internen Verbesserungen und speziell Kosteneinsparungen, die sich aus der geänderten Erbringung der ICT-Leistungen ergeben.   

Dominante Treiber für die geschäftlichen Möglichkeiten, die sich aus der Nutzung von Cloud Computing ergeben, sind die relative Schnelligkeit und vor allem die Offenheit, mit der sich geschäftliche Anforderungen umsetzen lassen – beides im Vergleich zu internen ICT-Lösungen. Applikationen und Plattformen, die im Netz bereitstehen, können sehr leicht und sehr schnell genutzt und Partnern zugänglich gemacht werden. Sie eignen sich von daher ideal für Zusammenarbeitsformen über Unternehmensgrenzen hinweg. CRM-Lösungen von Salesforce.com werden beispielsweise häufig von Unternehmen mit Franchise- oder Partnervertrieb eingesetzt. Jeder Partner benötigt nicht mehr als einen Internet-Zugang, um die gemeinsame CRM-Applikation zu nutzen.   

Durch die offenen Vernetzungsmöglichkeiten ist Cloud Computing ideal geeignet, um die Potenziale moderner Arbeits- und Organisationsformen auszunutzen. Beispielhaft genannt seien die Ausbildung von Wertschöpfungsnetzen bis hin zur Virtualisierung von Unternehmen, die Zusammenarbeit in Partnerschaften und über Firmengrenzen und Standorte hinweg, der Einsatz von temporären und mobilen Mitarbeitern und die ­Flexibilisierung der Arbeitswelten durch die Konvergenz von Privat- und Geschäftsleben. In diesen Anwendungsbereichen steht Cloud Computing häufig in inhaltlicher Überlappung mit Unified Communications* und Web 2.0-Applikationen. Kommunikation und Teamarbeit in vielfältigen Netzwerken nehmen sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext zu. Dabei möchten immer mehr Menschen die Dinge, die sie in ihrer privaten Produktivität unterstützen, auch im beruflichen Kontext nutzen. Auf diesen Trend setzt beispielsweise Google. Die Google Docs (dt.: „Text & Tabellen“) bringen bereits in ihrem Leistungsversprechen „Dokumente und Tabellen online erstellen und zeitgleich mit anderen bearbeiten – überall, jederzeit“ die Verbindung von Cloud Computing („Arbeit online“) und Web 2.0 („gemeinsam mit anderen“) zum Ausdruck.   

* vgl. dazu den Artikel „Das Ende von Babylon“ in DMR 4/2008

Geschwindigkeitsvorteile bei der Nutzung von Cloud Computing ergeben sich vor allem dadurch, dass gebrauchsfertige Infrastrukturen und Applikationen quasi per Mausklick bereit-stehen. Dadurch können kurzfristige oder einmalige Projekte schnell und außerhalb der sonst üblichen – und sicher auch erforderlichen – unternehmensinternen IT-Prozesse durchgeführt werden. Dies ermöglicht Unternehmen, Innovationen explorativ in den Markt einzuführen, ohne dass große, CAPEX-intensive Investitionen mit noch nicht absehbarem Return notwendig sind. Die New York Times hat beispielweise nach der Entscheidung, ihr Archiv öffentlich zugänglich zu machen, elf Millionen Artikel aus der Zeit von 1851 bis 1980 mit Hilfe der Amazon-Dienste EC2 und S3 innerhalb von 24 Stunden in PDF-Dokumente konvertiert. Dabei wurden 5,5 Terabyte an Daten auf 100 virtuellen Computern bewegt. Der Aufbau ­einer eigenen Infrastruktur hätte das Projekt ungleich teurer und langsamer gemacht. In gleicher Weise lassen sich experimentelle Web-Sites für Kampagnen oder neue Internet-Angebote mit wenig Aufwand realisieren. Auch können Start-Ups und kleinere Unternehmen kostengünstig und schnell ihre Angebote entwickeln. Das online Foto- und Video-Archiv Phanfare hat über 100 Terabyte an Nutzerdaten bei Amazon S3 gelagert. Im Vergleich zum Aufbau und Betrieb einer eigenen Speicherlösung spart das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als 50 Prozent der Kosten.   

Kosteneinsparungen stehen häufig im Vordergrund, wenn Unternehmen über Cloud Computing aus einer rein internen, technisch-betrieblichen Sicht nachdenken. Betriebswirtschaftlich gesehen zeigt Cloud Computing viele Parallelen mit Outsourcing oder der Nutzung von Managed Services: Das Unternehmen muss keine Investitionen in eigene IT-Ressourcen vornehmen, sondern zahlt ausschließlich nach Nutzungsvolumen. Dabei orientieren sich die Kostenparameter in der Regel nach der Applikationsebene: Infrastrukturartige Dienste wie zum Beispiel Amazons EC2 und S3 werden nach technischen Parametern wie CPU-Zeit oder Datenvolumen bepreist, während Cloud-Anwendungen wie zum Beispiel Googles Apps oder Salesforce.com pro Applikation und Nutzer in Rechnung gestellt werden. Bisherige Praxiserfahrungen zeigen, dass sich Cloud Computing vor allem und eindeutig für kurzfristig ­orientierte Anwendungsfälle rechnet. Erfahrungswerte über eine Nutzungs­dauer von drei bis fünf Jahren hinaus fehlen noch. Dabei ist die lang­fristige Vergleichsbetrachtung schwierig, da vielfältige Aufwandspositionen in eine TCO-Sicht (Total Cost of Ownership) mit einberechnet werden müssen: angefangen mit der Hardware der Endanwender über die Kosten für Rechenzentren, Server, Stromverbrauch und IT-Personal bis hin zu Lizenz- und Nutzungsgebühren für die Software. IBM bietet einen „virtuellen Desktop“ als Ersatz für den klassischen PC-Arbeitsplatz an und behauptet, dass Unternehmen damit in der Gesamtrechnung um bis zu 800 US-Dollar pro Jahr gegenüber der Nutzung eines normalen PCs mit Windows Vista und der Microsoft Office Suite einsparen können.   

Aus technisch-betrieblicher Sicht gibt es heute daher zwei akzeptierte Hauptanwendungsfälle von Cloud Computing. Der erste betrifft den zusätzlichen Einsatz von Cloud-Ressourcen, um Lastspitzen abzudecken. Hier ergänzt und erweitert die Cloud die Angebote der internen IT. Damit können sowohl einmalige Anforderungen wie Sonderprojekte als auch wiederkehrende Bedarfe wie zum Beispiel der Jahresabschluss oder die Inventur abgedeckt werden. Der zweite betrifft die Nutzung von Cloud-Ressourcen zur Optimierung der Finanzierungsstruktur weg von CAPEX hin zu OPEX. Unabhängig von den Gesamtkosten der Cloud-Lösung können knappe Finanzressourcen – etwa bei Start-Ups oder in den aktuellen Zeiten der Krise – für das operative Geschäft geschont werden und müssen nicht in IT investiert werden. Die Kosten einer Cloud-Lösung passen sich in der Regel auch viel flexibler dem Geschäftsaufkommen an – auch dies ein weiterer Vorteil für schnell wachsende Start-Ups oder Unternehmen in turbulenten Zeiten.   

Spätestens dann, wenn die geschäftlich orientierten Vorteile des Cloud Computing mit den technisch-betrieblichen zusammen treffen, sollte ernsthaft über diesen Weg nachgedacht werden. Wenn also sehr schnell ein Sonderprojekt, dessen Erfolg ­ungewiss ist und das in Zusammenarbeit mit Partnern gestemmt werden soll, durchgeführt werden muss, sollten Fach- und IT-Seite die neuen Möglichkeiten in Erwägung ziehen.   

Eine Goldgrube für ICT-Unternehmen?   

Die vielfältigen Möglichkeiten für Anwender, von Cloud Computing-Anwendungen zu profitieren, haben eine Vielzahl von Anbietern auf den Plan gerufen. Mittlerweile tummeln sich ­neben spezialisierten Cloud Computing-Unternehmen auch klassische Software- und Hardwarehersteller auf dem Markt. Anbieter von ICT-Dienstleistungen drängen ebenfalls in den noch jungen Markt der webbasierten On-Demand-Dienste ­(siehe Abbildung 2). Doch welche Chancen bieten sich für diese unterschiedlichen Anbietertypen durch Cloud Computing?   

    

Offensichtlichster Nutznießer einer erhöhten Aufmerksamkeit gegenüber Cloud Computing sind spezialisierte Anbieter von Cloud-Anwendungen. Das 1999 gegründete Unternehmen ­Salesforce.com nimmt in diesem Bereich eine Vorreiterrolle ein und positioniert seine webbasierte Unternehmenssoftware, zum Beispiel CRM-Tools, seit mehreren Jahren erfolgreich im Wettbewerb zu Anbietern lokaler Softwarelösungen.

Klassische Softwarehersteller haben es lange Zeit vermieden, auch eine webbasierte Variante ihrer Anwendungen zu entwickeln. Auslöser war die Angst vor Kannibalisierungseffekten mit dem Verkauf von lokaler Software. Erst seit kurzem erkennen Softwareunternehmen die neuen Chancen, die sich ihnen durch die Bereitstellung webbasierter Anwendungen bieten. Unternehmen wie Microsoft oder Adobe entwickeln derzeit unter Hochdruck Cloud-Varianten ihrer Anwendungen. Das Büropaket „Microsoft Office“ liegt zwar nach wie vor nur in einer lokalen Version vor, aber das Unternehmen hat bereits angekündigt, bald auch eine Web-Version anbieten zu wollen. Die Entwicklerplattform „Windows Azure“ (dt. „himmelblau“), die Ende 2008 vorgestellt wurde, unterstreicht den Strategiewechsel von Microsoft.    

In jüngster Zeit machen sich auch Hardware-Hersteller den Cloud Computing-Trend zunutze. So bietet Asus für sein Netbook eeePC, das nur einen wenige Gigabyte kleinen Festplatten-speicher besitzt, einen zusätzlichen zwei Gigabyte großen Onlinespeicher, der sich nahtlos in das Betriebssystem integriert.   Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen können in zweierlei Hinsicht vom Trend Cloud Computing profitieren. Erstens wird die Wichtigkeit des Internets für Unternehmen steigen, wodurch sich Netzbetreibern neue Hebel für den Vertrieb breitbandiger Internetanschlüsse bieten. Zweitens ermöglicht das Bereitstellen eigener Cloud-Computing-Dienste völlig neue Geschäftsmodelle für Netzbetreiber.   

Ersteres leuchtet schnell ein: Wenn immer mehr Unternehmens­prozesse und -anwendungen aus dem World Wide Web kommen, wird die Internetverbindung zunehmend erfolgskritisch. Selbst kurze Ausfälle können schnell geschäftsschädigend werden, wenn dadurch wichtige Teile des Unternehmens lahmgelegt werden. Es gilt, sowohl eine gute Verbindungsqualität als auch eine ausreichende Geschwindigkeit bereitzustellen, um Leistungsspitzen abfedern zu können. So kann es gelingen, auch Unternehmen in bislang weniger IT-affinen Branchen von der Notwendigkeit breitbandiger Internetanschlüsse zu überzeugen. Um diesen Effekt zu verstärken, sollten Netzbetreiber und ICT-Dienstleister aktiv die Verbreitung von Cloud Computing unterstützen. So offeriert beispielsweise die British Telecom (BT) kleinen und mittleren Unternehmen direkt neben den reinen Internetzugängen auch Cloud-Anwendungen, zum Beispiel von Salesforce.com. 

Eine zweite Möglichkeit für Netzbetreiber, vom Trend webbasierter Dienste zu profitieren, eröffnet sich durch das Bereitstellen eigener Cloud Computing-Lösungen. Dafür müssen klassische Telekommunikationsprodukte, etwa Telefonate, Faxdienste und Voicemails, virtualisiert, also in einer webbasierten Variante angeboten werden. Vorteil für den Anwender: Er benötigt nur einen Internetzugang und hat sofort Zugang zu allen Kommunikationsmitteln.  

Diese Services können vom Netzbetreiber selbst vertrieben werden. Weitaus interessanter ist jedoch eine andere Variante, nämlich Drittanbietern (Independent Software Vendors = ISVs) Programmierschnittstellen (APIs) zur Verfügung zu stellen, damit diese ihre eigenen Cloud-Anwendungen auf Basis der virtuellen Telekommunikationsprodukte entwickeln können. Ein Online-Marktplatz dient als Vertriebsplattform, um diese Dienste beliebigen Kunden anzubieten. Ein Teil der Nutzungsgebühren wird dabei vom Anbieter als Entgelt einbehalten. Wer eine große Entwicklergemeinde hinter sich scharen kann, kann einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Netzbetreibern gewinnen. Auch hier übernimmt BT eine Vorreiterrolle: Mitte 2008 sicherte sich das Unternehmen mit dem Kauf des Silicon Valley-Startups Ribbit eine Technologie, mittels derer Sprachkommunikation nahtlos in beliebige Websites integriert werden kann. Die „Ribbit Developer-Platform“ gibt Entwicklern die nötigen Tools in die Hand, um eigene Dienste auf Basis der BT-Infrastruktur aufzusetzen. 

Empfehlungen für potenzielle Anwender 

Anwender sehen Cloud Computing heute häufig noch skeptisch. Insbesondere Großunternehmen fürchten um die Verlässlichkeit der Angebote. Bevor Cloud Computing als vollwertiger Ersatz für etablierte und geschäftsrelevante Applikationen angesehen werden kann, müssen das Vertrauen in die langfristige Positionierung der Anbieter reifen, rechtliche Probleme im Bereich länderübergreifender Datenspeicherung geklärt und die uneingeschränkte Verfügbarkeit des Internets für alle Marktteilnehmer sichergestellt werden.   

Für Anwendungen außerhalb der Kernapplikationen und für junge und kleinere Unternehmen bieten sich jedoch bereits heute interessante Einsatzpotenziale. Ob sich der Einsatz von Cloud Computing im Unternehmen lohnt, hängt dabei von gewissen organisatorischen und prozessualen Voraussetzungen ab. Je mehr unterschiedliche Standorte und Geschäftspartner ein Unternehmen hat, desto mehr können die offenen ­Vernetzungsmöglichkeiten, die Cloud Computing bietet, ausgespielt werden. Die Einführung flexibler Arbeitszeit- und Arbeitsplatzregelungen im Unternehmen kann ebenfalls den Wechsel zu Cloud-basierten Infrastrukturen und Applikationen sinnvoll machen. 

Stark wachsende und sehr junge Unternehmen profitieren von der Skalierbarkeit webbasierter Cloud-Dienste. Der Einsatz von Cloud Computing ist hier sehr empfehlenswert, weil diese ­Lösungen auch im Fall eines sprunghaften Mitarbeiteranstiegs mitwachsen. Bei größeren, langsamer wachsenden Unternehmen kann die Projektmentalität des Unternehmens entscheidend sein: Werden häufig große Projekte im Unternehmen durchgeführt, zum Beispiel bei Produkteinführungen oder Unternehmenszusammenschlüssen, bieten Cloud-Dienste die nötige Flexibilität, um Infrastrukturen und Applikationen bedarfsgerecht bereit zu stellen.    

Auch aus technisch-betrieblicher Sicht ist eine der wichtigsten Fragen die nach der Datensicherheit. Eine ausreichende Verschlüsselung der gespeicherten Daten, redundante Datenhaltung und ein regelmäßiges Backup sollten sichergestellt werden. Es sollte im Vorfeld mit dem Anbieter geklärt werden, wer verantwortlich ist, wenn wichtige Daten verloren gehen und wie rechtliche Probleme bei länderübergreifender Datenspeicherung umgangen werden können. 

Sind beim Unternehmen Kosteneinsparungen das Haupt­argument für die Einführung von Cloud Computing, spielen Kompatibilitätsaspekte in zweierlei Hinsicht eine große Rolle: Zum einen muss das Zusammenspiel des Cloud-Dienstes mit der bestehenden ICT-Infrastruktur des Unternehmens geprüft werden. Zum anderen sollte man beim Einsatz mehrerer Cloud-Dienste von unterschiedlichen Anbietern auch die Interkompatibilität der Dienste untereinander auf den Prüfstand stellen. Denn nur bei der Gesamtsicht auf die Anwendungsarchitektur kann das Zusammenspiel der einzelnen Teile und damit eine kosteneffiziente Implementierung sichergestellt werden. 

Je mehr Dienste im Unternehmen aus der Cloud kommen, desto höher ist die Abhängigkeit vom Cloud-Anbieter und desto genauer sollte dieser im Vorfeld unter die Lupe genommen werden. Viele Anbieter von Cloud Computing offerieren mehrwöchige Testphasen, in denen die Dienste kostenlos ausprobiert werden können. Anwender sollten diese Phase nutzen, um nicht nur die technische Kompatibilität, sondern auch die Bedienung der Systeme zu vergleichen: Je ähnlicher sich lokale und Cloud-Variante sind, desto leichter fällt den betroffenen Mitarbeitern der Umstieg. Weitere Bewertungskriterien sind Reputation und Zuverlässigkeit des Cloud-Anbieters. Insbesondere Cloud-Dienste, die mit dem Label „Beta-Version“ betitelt sind, sind häufig noch nicht für den professionellen Einsatz im Unternehmen geeignet. Kommen dagegen ausgereifte Cloud-Dienste zum Einsatz, ist die Chance groß, dass Unternehmen schon heute von den zahlreichen Vorteilen, die Cloud Computing bietet, profitieren. 

Empfehlungen für Cloud-Anbieter 

Die geänderten Anforderungen auf Seiten der Anwender wie höhere Dynamik, steigender Kostendruck, aber vor allem die neuartigen technologischen Möglichkeiten in Form einer zunehmenden Virtualisierung, so wie sie sich durch Cloud Computing ergeben, erlauben es Cloud-Anbietern, neue Zielgruppen zu adressieren beziehungsweise vorhandene Zielgruppen besser zu bedienen.   

So können neue Zielgruppen wie Kleinstunternehmen und Start-Ups, denen die einmaligen Anschaffungskosten einer Software oder einer Serverinfrastruktur bisher zu hoch waren, durch die flexiblen, bedarfsgerechten Abrechnungsmodalitäten von Cloud Computing als neue Kunden gewonnen werden. Aus Sicht spezialisierter Cloud-Anbieter bietet sich dabei die Möglichkeit, bei der Bereitstellung ihrer Dienstleistungen Skalen­effekte zu erzielen. Besonders lukrativ wird das Geschäfts­modell, wenn es sich dabei wie im Beispiel der Amazon-Dienste EC2 und S3 um Ressourcen handelt, die ohnehin für die eigenen Geschäftszwecke vorgehalten werden müssen. So kann durch Cloud Computing eine verbesserte Auslastung der eigenen Infrastruktur erreicht werden. 

Nutzer von Cloud-Angeboten werden im ersten Schritt vornehmlich Anwendungen (Soft-ware-as-a-Service) aus der Wolke nutzen, welche keine tiefe Integration in die eigenen Unternehmensprozesse, Datenbanken und IT-Umgebung erfordern. Dennoch werden sie auch für diese Anwendungen garantierte Servicelevel sowie Compliance-Erklärungen hinsichtlich des Umgangs mit Unternehmensdaten erwarten.  

In einem zweiten Schritt wird es für Cloud-Anbieter darum gehen, den eigenen „Share of wallet“ zu vergrößern. Diese Möglichkeit wird sich für solche Anbieter ergeben, die es verstehen, ihr Angebotsportfolio zu erweitern und auch komplexe Integrationen in die Unternehmensarchitektur ihrer Kunden zu leisten. Auf den unterschiedlichen Ebenen der Wertschöpfungskette werden sich dabei zunehmend spezialisierte Anbieter herausbilden, die ebenso wie ihre Kunden bei der Erstellung ihrer Dienstleistungen vor der Entscheidung des „build, buy or partner“ stehen. Das heißt, für die Anbieter „höherwertiger“ Dienstleistungen ist es erfolgskritisch, das eigene Angebotsportfolio attraktiv und die Kostenstrukturen optimal zu gestalten. Erfolgreiches Partnermanagement ist dabei sicher eine der zentralen Schlüsselqualifikationen.   

Die Gesetzmäßigkeiten, die zuvor vornehmlich für IT-Dienstleistungen dargestellt wurden, haben auch direkt Relevanz für die Betreiber von Kommunikationsnetzen. Aus Sicht der Netzbetreiber besteht die Herausforderung darin, zum einen ihr Angebot um Cloud-basierte Dienstleistungen anzureichern. Darüber hinaus zeichnet sich auch bei der Entwicklung von Telekommunikationsdienstleistungen ein Trend zur zunehmenden Konvergenz und Virtualisierung von Telekommunikationsdienstleistungen ab.  

Spätestens zu den nächsten amerikanischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2012 werden sich Cloud Computing-Lösungen voraussichtlich als gleichwertige Alternative zu innerbetrieblichen ICT-Diensten am Markt etabliert haben. Die Antwort auf die Frage „Wird zukünftig alles aus der Wolke kommen?“ lautet also: Nicht alles, aber viel mehr, als wir uns vielleicht heute vorstellen können.


Erschienen in DMR 01/2009

Die Autoren
Christoph Eikmeier
Christoph Eikmeier ist in der Gruppe ICT Product Innovation tätig. Hier berät er nationale und internationale Unternehmen bei der strategischen Gestaltung ihres Leistungsportfolios und der Konzeption innovativer Geschäftsmodelle. Herr Eikmeier hat mehrjährige Erfahrungen im IT- und Medienbereich.


Dr. Volker Rieger
Dr. Volker Rieger leitet als Managing Consultant die Gruppe „Technology Portfolio Strategies“ bei Detecon. Er verfügt über mehrjährige Berufserfahrung sowohl in der Automobilindustrie als auch der Telekommunikationsbranche. Zu seinen Beratungsschwerpunkten gehören Produktstrategien in den ICT-Märkten, strategische Marktanalysen und die Entwicklung von Geschäftsarchitekturen im NGN-Umfeld.


Erwin Weber
Erwin Weber ist Experte für Innovationsmanagement für ICT Communication Services und Value Added Services. Bei Detecon ist er in der Competence Practice Strategy & Marketing tätig und leitet die Competence Group ICT Product Innovation. Er berät nationale und interna­tionale Unternehmen bei der Qualifizierung und Markteinführung neuer Dienste, insbesondere an der Nahtstelle zwischen Markterfordernissen und Technologie. In zahlreichen Projekten hat sich Erwin Weber während seiner mehr als 20-jährigen Berufserfahrung vor allem dem Thema Quality of Service und seinen Auswirkungen auf Intranet und Internetstrukturen gewidmet.

 
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